Coworkerin aus Leidenschaft

Doris Schuppe ist eine Pionierin der deutschen Coworker-Szene und engagiert sich in der „German Coworking Federation“. Ihr liegen die Entwicklung und Vernetzung von Coworking Spaces und ihren Nutzern am Herzen. Dafür verlässt sie auch mal ihren eigenen Coworking Space auf Mallorca, tourt für Workshops und Netzwerktreffen durch Deutschland und berichtet auf ihrem Blog – zum Beispiel über Coworking mit Kind. Wir haben sie nach dem Konzept, ihren Erfahrungen, Coworking auf dem Land und der Zukunft der Arbeit befragt.

Was war Ihre erste Coworking-Erfahrung?

Meine erste Coworking-Erfahrung war 2009 in München: Wir waren einige Selbständige, die gerne anders als in einem Einzelbüro oder in einer Bürogemeinschaft arbeiten wollten. Aus den USA und aus Berlin schwappten Informationen zu dem Thema Coworking an uns heran – das probierten wir in Cafés und Restaurants mit WLAN aus. Irgendwann waren wir um die 30 Coworker, die merkten, dass es so nicht weiter geht. Wir sind reif für einen „richtigen“ Coworking Space.

Was war Ihnen damals an dem Konzept wichtig?

An erster Stelle die Offenheit und die Flexibilität. Ich hatte sowohl Einzelbüro als auch Bürogemeinschaft als Selbständige hinter mir – das waren für mich keine Optionen mehr. Im Einzelbüro neige ich dazu mich sehr in meine Arbeit zu „vergraben“. Und wenn in einer Bürogemeinschaft der Haussegen schief hängt oder sie sich gar auflöst, erlebte ich das als sehr belastend. Im Coworking Space kommen mehr Menschen zusammen als in einer Bürogemeinschaft. Der tägliche Mix der Coworker ist erfrischend unterschiedlich. Dazu kann ich selber bestimmen, wo ich mir meinen Platz zum Arbeiten einrichte – das bringt auch neue Perspektiven und Sichten.

Wie sieht es heute aus? Hat sich Ihr Blick geändert?

Tatsächlich sehe ich es heute nach fast acht Jahren teilnehmendem Coworkings noch genauso. Sowohl Offenheit als auch Flexibilität sind auf dem Weg zur „neuen Arbeit“ oder der „Zukunft der Arbeit“ enorm wichtige Aspekte. Es macht neue Konzepte durchlässig und gibt Raum für (unerwartete) Inspirationen. Und das ist für mich schon sehr erfreulich mitzuerleben, wie sich Menschen durch Begegnungen im Coworking Space verändern und ihre beruflichen Aktivitäten neu fokussieren.

Verhält man sich in einem Coworking Space anders als im Corporate Office?

Nun, zum einen liegt der größte Unterschied darin, dass Coworker sich mit den Anderen austauschen können, aber nicht müssen. Jede/r hat sein/ihr eigenes Business, an dem gearbeitet wird. Klar, wenn es beruflich und persönlich passt, können Coworker wunderbar kooperieren – es liegt jedoch bei ihnen das zu entscheiden.

Anders als in Unternehmen werden die Skills der Coworker in der Coworking Community sichtbarer: Hier gibt es immer wieder kurze Vorstellungsrunden, aktives Vernetzen durch die Coworking Hosts oder Weiterempfehlungen durch die Coworking-KollegInnen. „Working Out Loud“, die transparente, offene Zusammenarbeit im Netzwerk und Schlüsselqualifikation in einer vernetzten Arbeitswelt ist hier der Normalzustand.

Es gibt auch niemanden, der eine kurze Selbstdarstellung als „Angeberei“ stigmatisiert – denn das in manchen Firmen anzutreffende Konkurrenzgehabe ist hier unwichtig. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vor allem der respektvolle Umgang miteinander, der nachhaltig anders ist als ich es in einigen Unternehmen beobachtete bzw. erfuhr.

Viele assoziieren Coworking mit hippen Start-ups und kreativen Freelancern Mitte 20. Stimmt das (noch) oder ist das bloß ein Vorurteil?

Das hat noch nie gestimmt oder langfristig funktioniert, zumindest nicht in den Spaces, in denen ich meinen Laptop aufgeklappt habe. Durch die Offenheit sind Coworking Communities wesentlich durchlässiger für unterschiedliche Hintergründe der Coworker. Häufig treffe ich junge Menschen, die um Coworking Spaces einen Bogen machen und lieber erst mal in einem Unternehmen das Arbeiten lernen wollen.

Das ist sehr schade, denn dort begegnen sie den Strukturen, die in den nächsten Jahren wegfallen werden. Sie lernen 9 to 5 gegen Entlohnung – und beginnen wahrscheinlich dann erst später wie so viele von meinen Coworking-KollegInnen damit, den eigenen Arbeitsrhythmus zu finden, die Tätigkeit zu entdecken oder die Dienstleistung anzubieten, die uns selbst interessiert, erfreut und die wir als sinnvoll begreifen. Die vielleicht sogar Spaß macht.

Insofern empfinde ich die Durchmischung verschiedener Altersgruppen im Coworking Space enorm bereichernd. Hier findet das generationenübergreifende Lernen voneinander statt, einfach so, ohne Pipapo.

Was darf in einem Coworking Space nicht fehlen?

Oh, das ist kurz beantwortet: guter Kaffee. Oder etwas offener formuliert, ein Bereich, in dem die Zubereitung und der Genuss von Kaffee oder Tee zum spontanen Austausch mit anderen Coworkern führen kann, ohne andere bei der Arbeit zu stören.

Schreibtisch in Prüm Kaffee
Richtig gemacht: Kaffee gibt es auch bei Schreibtisch in Prüm.

Wie sieht Ihr Lieblingsarbeitsplatz aus?

Das ist sehr abhängig davon, was ich gerade tue. Mal sitze ich am Schreibtisch, mal arbeite ich am Stehtisch, mal wird es gemütlicher im Liegestuhl. Ich finde es geradezu befreiend, wie ich in einem Coworking Space meinen Platz frei wählen – und auch im Laufe des Tages wechseln kann.

Was ist der Unterschied zwischen Coworking im urbanen und im ländlichen Raum?

Im ländlichen Raum ist die Zahl der Coworker auf den ersten Blick gesehen kleiner als im urbanen Raum. Dabei ist das Einzugsgebiet zum Teil durchaus größer als in einem Stadtteil einer Großstadt. In den vielen kleinen Orten im Umland können Menschen leben und arbeiten, die sich für vernetztes Arbeiten durchaus auf den Weg in einen Coworking Space machen. Besonderer Fokus kann hier auf den vielen pendelnden Angestellten liegen. Ein Praxisexperiment zeigte in Paris, wie viel zufriedener PendlerInnen sind, wenn ihre Firmen die Anwesenheitspflicht auf einen Coworking Space in der Nähe ihres Wohnortes erweitern.

Daher ist die Kommunikation aufwändiger, da auf mehreren Ebenen die neue Form des Arbeitens zu erklären ist. Für den Space ist die Unterstützung durch die lokale Gemeinde wichtig und aus deren Blickwinkel sollte sie auch an der Spitze ihrer Ausgaben zur regionalen Weiterentwicklung stehen.

Wie kann der ländliche Raum von Coworking profitieren?

Wir beobachten an vielen Orten den Wegzug in die Großstadt, dann den Umzug in deren so genannte „Speckgürtel“, weil zum Beispiel mit Familie der Wohnraum nicht mehr bezahlbar ist. Die Distanz dieser Speckgürtel um eine Metropole herum wird heute durch die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln definiert. Oder wie lange es dauert mit Auto oder Motorrad in die Stadt zu fahren.

Die Digitalisierung kann diesen Speckgürtel deutlich erweitern: Der virtuelle Speckgürtel kann da sein, wo Wohnraum bezahlbar ist, wo Familien (wieder) eine intakte Dorfstruktur erleben und das Leben einen hohen Freizeitwert zum Ausgleich anbietet. Eine Initiative zur Wiederbelebung der Strukturen in Wittlich hat Lisa Goldmann in der brand eins 07/2017 beschrieben.

Zudem leben in den Ballungsräumen viele Menschen, die sich nach dem Leben auf dem Lande sehnen. Das ist ein Ansatzpunkt, den der Pariser Coworking Space Mutinerie zufällig entdeckte: Aus der 140 km von Paris entfernten Mutinerie Farm zum Ausspannen und im Landgarten arbeiten wurde Village Mutinerie – für Coworking, Seminare, Schulungen, etc.

Im ländlichen Raum kann ich Interessierten nur empfehlen sich so flexibel wie möglich und nur wenig an den urbanen Coworking Spaces orientiert aufzustellen. Mit lokalen Akteuren im Tourismus die Köpfe zusammenstecken und Coworking als das begreifen was es ist: kollaborativ, an der Community orientiert, offen, flexibel und nachhaltig.

Doris Schuppe Rayaworx
Mit der Sonnebrille zur Arbeit: Coworking geht nicht nur in der Eifel, sondern auch auf Mallorca.

Haben Sie eine grobe Einschätzung wie es um die Entwicklung von Coworking im ländlichen Raum allgemein steht?

Schwierig, da viele Projekte noch in den Kinderschuhen stecken. Die Attraktivität von Großstädten und die zunehmende Entleerung des ländlichen Raums macht das nicht einfacher. Die Gesellschaft sieht in Deutschland nun schon sehr lange diesem Prozess zu, erst seit relativ kurzer Zeit wird versucht mit Förderprogrammen für den ländlichen Raum dagegenzuhalten. Viele Strukturen im ländlichen Raum sind entweder verfallen oder gar nicht etabliert worden.

Woran liegt das?

Zum Beispiel an der Konzentration der Netzanbindung auf die großen Ballungsräume. Ich lebe auf Mallorca in einem 4.000 Seelen-Städtchen. Und kann hier einen Coworking Space mit leistungsstarkem Glasfaser-Internet anbieten! Manche Coworker weinen, wenn sie aus diesem digitalen Schlaraffenland wieder nach Deutschland zurückreisen.

Was erwarten Sie bezüglich Coworking auf dem Land in den nächsten Jahren?

Mehr Initiativen, mehr Bewusstsein bei Gemeinden, Unternehmen und Angestellten. Mehr Wittlichs, die sich darum kümmern, ihrer Region wieder mehr Leben einzuhauchen. Dazu erwarte ich eine zunehmende Wertschätzung von Zeit und persönlichem Miteinander. Da wird Coworking eine wichtige Rolle spielen. Eine Basis für digitalisierte Tätigkeiten, für Lernen, für Jobs, von denen wir heute noch gar nicht wissen, dass es sie übermorgen geben wird.

Dein Tipp für Neu-Coworker?

Darüber habe ich mal einen Blogbeitrag geschrieben: 5 Tipps fürs Coworking. Daraus kann ich einen Tipp besonders empfehlen: Lass Dir Zeit. Zeit um anzukommen, Zeit um Dich zu organisieren, Zeit um die Vorzüge des Coworkings zu spüren.

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